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Fairtrade im Supermarkt?!

veröffentlicht am

Wie fair ist fair trade im Supermarkt?

Im Weltladen ist man immer auf der richtigen Seite
Bericht von Gerda Poschmann-Reichenau

Alle Fragen konnten nicht beantwortet werden, doch höchst informativ war der Vortrag im Pfarrheim jedenfalls: Johanna Schiller vom FAIR Handelshaus Bayern in Haimhausen bei München referierte auf Einladung des Eine Welt-Arbeitskreises der Tittmoninger Kolpingsfamilie, der auch den Eine Welt-Laden in der Stiftsgasse betreibt, über ?Fairen Handel und faire Produkte im Supermarkt?. Dabei wurde deutlich, dass ?Fair Trade? weit mehr bedeutet als ein paar Cent mehr für Kaffee auszugeben.

Monika Schmied-Lechner begrüßte im Namen der Kolpingsfamilie Johanna Schiller, die seit 2012 für das FAIR Handelshaus Weltläden berät und Bildungsarbeit betreibt. Schon 2003 hatte die junge Frau beim KLJB begonnen, sich für fairen Handel einzusetzen, später Ethnologie, Spanisch und Geografie studiert und u.a. bei einer Jugend-Studienreise nach Nicaragua, die sie mit organisierte, erste Erfahrungen gesammelt. Ihrem Vortrag stellte sie programmatisch ein Zitat des brasilianischen Befreiungstheologen Helder Camara voran: ?Wenn Ihr gerechte Preise zahlt, könnt ihr eure Almosen behalten?.
Von Anfang an machte die Referentin klar, dass fairer Handel weit mehr bedeutet als nur einen Preisaufschlag, um die Produzenten in den Herkunftsländern gerecht zu entlohnen und soziale Entwicklung zu ermöglichen. Die partnerschaftliche, langfristige und damit verlässliche Zusammenarbeit mit den ansonsten benachteiligten Produzenten bzw. Arbeitern der sogenannten ?Dritten Welt? mache die Bewegung zu einem Alternativmodell für eine nachhaltige Ausgestaltung des Welthandels. Dabei habe man immer auch die Veränderung der Rahmenbedigungen in den betreffenden Ländern im Blick, biete den Kleinbauern und Handwerkern Beratung zu Herstellung und Vermarktung, teilweise auch eine Vorfinanzierung ihrer Projekte, und betreibe Bewusstseinsbildung und advocacy-Arbeit zu Hause. Anschaulich entwarf Frau Schiller so das Bild einer oft auf persönlichen Kontakt gegründeten anderen Art von Handelsbeziehungen, in denen das höchste Ziel nicht der Profit weniger Großkonzerne ist, sondern lebenswertes Leben mit Perspektive überall auf dem Globus. Nicht zufällig ergebe sich dabei eine ökologisch verträgliche Produktionsweise oft wie von selbst.

Aus der Nische in die Supermarktregale

An der Entwicklung des Kaffeepreises der vergangenen zwanzig Jahre verdeutlichte Schiller das System der Preisfestsetzung im Fairen Handel, der den Produzenten durch einen garantierten Mindestpreis auch bei negativer Entwicklung der Börsenkurse eine verlässliche Absicherung biete. Danach zeigte ein Abriss der Geschichte des Fairen Handels in Deutschland von den 1970er Jahren bis heute seine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz: von der Gründung erster Handelsgesellschaften für den Import fair gehandelter Lebensmittel und Handwerksprodukte, die ganz stark von kirchlichen Organisationen getragen waren und sind (GEPA, El Puente) über eine stärker ökologisch und alternativ geprägte Ausrichtung (?Jute statt Plastik?) bis hin zur Strategie der Handelsausweitung seit Ende der 80er. Diese habe 1992 zur Gründung des Vereins ?TransFair? geführt, der in Deutschland seither das Fairtrade-Siegel vergibt, um Produkte aus fairem Handel auch außerhalb der Weltläden einer breiten Käuferschicht zugänglich zu machen. Der erste Europäische Weltladentag 1996, die Einführung der Fairen Woche 2001 und die Entwicklung der ersten Fairtrade-Eigenmarke ?Fairglobe? beim Discounter Lidl 2006 seien die jüngsten Schritte auf dem Weg zu einer regelrechten Fairtrade-Branche. Aus kirchlichen Aktionsgruppen entstanden, sei fairer Handel mittlerweile in den Supermarkt-Regalen angekommen. Jetzt werde zum Problem, dass der Begriff ?fair? nicht geschützt sei. Die Entstehung neuer Siegel und die Schwierigkeit, bei Mischprodukten den Anteil fair gehandelter Produkte genau anzugeben, mache es für den Verbraucher schwierig, den Durchblick zu behalten.

Gibt es bei Lidl ?Fair trade light??

Schiller machte deutlich, dass nur die speziell zu diesem Zweck gegründeten Fairhandels-Importorganisationen, deren größte in Deutschland die GEPA ist und die durchaus auch an Supermärkte lieferten, ?100% fairen Handel? für alle ihre Produkte garantieren. Das Fairtrade-Siegel, dessen Vergabe klaren Kriterien und strenger Kontrolle unterliege, sei zumindest bei reinen Produkten wie Kaffee oder Zucker ein verlässlicher Hinweis für den Verbraucher. Schwieriger werde es schon bei Mischprodukten wie etwa Speiseeis, bei denen beispielsweise die verwendete Schokolade fair gehandelt sein könne, die anderen Bestandteile aber unter Umständen nicht. Außerdem mache es einen Unterschied, ob ein Unternehmen nur sein konventionelles Angebot durch ein spezielles FairTrade-Sortiment erweitere oder ob das ganze Unternehmen auf der Idee fairer Handelsbeziehungen aufgebaut sei. Die Referentin war hier sichtlich gespalten zwischen der Freude über den Vormarsch fair gehandelter Produkte bis in die Regale der Supermärkte und Discounter einerseits und den Vorbehalten gegen abgeschwächte Kriterien andererseits. Von einer ?light?-Version des Begriffs ?fair? und einer Aufweichung der Standards zur Steigerung des Umsatzes, wie es Biobauer und Stadtrat Hans Glück in Parallele zum Umgang mit dem Begriff ?Bio? formulierte, wollte sie nicht sprechen. ?Aber bei der Ausweitung in die Masse geht der Modellcharakter der Idee freilich verloren?, gab sie zu, nicht ohne zu betonen: ?Da kritisieren wir aber auf hohem Niveau.?. GEPA verzichte derzeit als Antwort auf diese Entwicklung bei vielen Produkten auf das Fairtrade-Siegel und habe eine Kampagne ?fair plus? gestartet. Schiller überließ es dem ?bewussten Verbraucher?, seine Abwägung selbst vorzunehmen ? natürlich auch in Abhängigkeit vom jeweiligen Geldbeutel. Sie betonte außerdem, fair gehandelte Handwerksprodukte seien weiterhin ausschließlich in den Weltläden erhältlich, die außerdem zusätzlich zum Warensortiment wichtige Informationen und Bildungsarbeit anböten.
Das Publikum hatte sich schon während des Vortrags immer wieder mit Anmerkungen und Fragen zu Wort gemeldet, so dass der Abend längst Gesprächsatmosphäre angenommen hatte, als der eigentliche Vortrag zu Ende ging. Stadtrat Dirk Reichenau lud die Anwesenden vom Arbeitskreis Eine Welt zuletzt ein, gemeinsam mit Hans Glück und ihm die Initiative für eine ?Fair Trade Town Tittmoning? nach Vorbild von Burghausen oder Laufen zu ergreifen. Hierzu gebe es klare Kriterien, Werbematerial könne von Transfair bezogen werden, bestätigte Frau Schiller. Abschließend erinnerte sie daran, bei der Diskussion um ?fair oder nicht fair?? solle man nicht den Genuss an den Produkten verlieren. Und Gertraud Nachbichler vom Weltladen brachte es nach all der Verunsicherung um Siegel und Zertifizierungen bei der Verabschiedung auf den Punkt: ?Kaufts weiterhin im Weltladen, dann seids auf der sicheren Seite!?

Fotos sind in der Mediathek zu sehen!

Ansprechperson

Norbert Köpferl

koepferl@t-online.de

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