Geschichte der Kolpingsfamilie Kaufbeure

1900 - 1949

1900 – 1903
Das neue Jahrhundert begann mit einer wichtigen Aufgabe – das Gesellenhaus war wieder zu klein und musste erweitert werden. Die Schulden wurden wieder durch Theaterspiele abgetragen. „Theaterspielen ist das beste Mittel, zur Hebung der Blutarmut in der Kasse“. besagt wohl deshalb eine Eintragung in der Chronik. Im Mai 1901 beteiligte sich der Gesellenverein an der Übertragung des  Reliquienschreines der seligen Crescentia in die Martinskirche zu Kaufbeuren, zu der sich auch die Gesellenvereine Kempten und Immenstadt einfanden. Im September desselben Jahres betonte der Präses, dass die Sparkasse und Bibliothek im Gesellenverein sich eines regen Besuches erfreuen. Im Sommer 1903 wurde feierlich das 50. Gründungsfest des Gesellenvereins begangen. Der 78-jährige Geistliche Rat Weinhart, langjähriger Präses, „ließ es sich nicht nehmen, sich persönlich zu beteiligen“.
1904 – 1913
Nach fünfjähriger Pause wird zu Fasching wieder ein Faschingskränzchen veranstaltet, bei dem „der Kassier und zwei Ausschussmitglieder bis ½ 6 Uhr aushielten.“ Im geselligen Vereinsleben verdienen die Ausflüge des Schützenvereins mit Veranstaltung von Preisschießen besonders hervorgehoben zu werden. Im Herbst 1905 steht der Saal im Gesellenhaus wieder zur Renovierung an. Gemäß eines Vorstandsbeschlusses wird durchreisenden Mitgliedern eine Unterstützung verabreicht und zwar in  Form von Naturalverpflegung; in den Wintermonaten in Höhe von 25 Pf. und in den Sommermonaten von 20 Pf. Wie im Jahr 1884 schon einmal eingeführt, wurde im November 1907 wieder ein Schutzvorstand gegründet. Die Bildungsarbeit wurde mit Buchführungskursen fortgeführt und durch die Einführung regelmäßiger Gesangsstunden der Gesang im Verein gepflegt und gefördert. 1908 wurde die Wanderordnung wieder geändert. Zugereiste, provisorische Mitglieder müssen für ein Nachtlager samt Frühstück 25 Pf. bezahlen. Im Sommer 1909 fand im Gesellenhaus eine Bezirkskonferenz für die katholischen Gesellen des Bezirks Kaufbeuren statt, an der die Vereine aus Landsberg, Marktoberdorf, Obergünzburg und Füssen teilnahmen. Mittelpunkt der Veranstaltung war ein Referat mit dem Thema “Agitation für den Gesellenverein“. Im August 1910 besuchte eine Abordnung des Kaufbeurer Gesellenvereins den Augsburger Katholikentag, bei dem Generalpräses Schweizer sprach. Zu Beginn des Jahres 1911 wurde beschlossen – um Werbung für den Verein zu machen – Lehrlinge unentgeltlich zu den Veranstaltungen des Gesellenvereins zuzulassen, damit sie sich mit diesem vertraut machen konnten. Mit Vorträgen über Stilkunde wurde 1912 das Bildungsangebot  erweitert. Bei den Vorstandswahlen wurden erstmals vom Präses einige der gewählten Ausschussmitglieder vorgeschlagen, von denen die Mitglieder dann den Senior wählten. Bislang wurde der Senior ausschließlich von den Ausschussmitgliedern bestimmt. Im Juni 1913 wurde der Gesellenverein in das Vereinsregister beim Amtsgericht Kaufbeuren eingetragen. Zur Feier des sechzigsten Gründungsfestes und des 100sten Geburtstages von Adolph Kolping wurde das Gesellenhaus innen vollständig renoviert. Als einer der ältesten Gesellenvereine in Schwaben konnte man auf 80 aktive Mitglieder, 200 Ehrenmitglieder und 257 Durchgereiste verweisen.
1914 – 1923

Der 1. Weltkrieg hatte auch Auswirkungen auf den Gesellenverein. Fast alle Mitglieder des Ausschusses wurden zu den Waffen gerufen. Im August 1914 sprach Geistlicher Rat Josef Landes an einem eigens dafür einberufenen Abend die Abschiedsworte an die Gesellen. Kurze Zeit später wurde Präses Fink als Feldgeistlicher eingezogen. Insgesamt mussten 110 Mitglieder während des 1. Weltkrieges einrücken, wovon 31 aktive und 12 Ehrenmitglieder auf den Schlachtfeldern fielen. Der Gesellenverein zeichnete mehrmals während des Krieges Kriegsanleihen aus dem Sparguthaben der Vereinssparkasse, erstmals im März 1915 in Höhe von 500,00 Mark. Auf der Generalversammlung im Februar 1916 wurde der Beschluss gefasst, auch Lehrlinge ab dem 16. Lebensjahr als provisorische Mitglieder in den Verein aufzunehmen. Dies brachte den beachtlichen Zuwachs von 29 neuen Mitgliedern. Damit war sichergestellt, dass die immer wieder durch Einberufungen gelichteten Vereinsreihen aufgefüllt werden konnten. Trotzdem dünnte der Krieg die Reihen der Gesellen aus und so reduzierten sich ab März 1917 die monatlichen Zusammenkünfte, da nur noch wenige Mitglieder die Veranstaltungen besuchten. Im März wurde eine weitere Kriegsanleihe in Höhe von 600,00 Mark gezeichnet und für die Nagelung des Kaufbeurer Kriegswahrzeichens am Fünfknopfturm stiftete der Verein einen Nagel für 20,00 Mark. Bei der Generalversammlung im Januar 1918 hatte der Verein nur noch 25 Mitglieder. Trotzdem war man in der Lage am 17.08.1918 eine Protestversammlung zu organisieren, die gegen die Einschmelzung des Kolpingdenkmals in Köln gerichtet war. Ende des Jahres zählt der Verein wieder 45 Mitglieder. Im Dezember 1918 wurden die Gesellenvereine vom Zentralpräsidium der katholischen Gesellenvereine Bayerns aufgerufen, in der Bayerischen Volkspartei mitzuarbeiten. Im Februar 1919 wurde jedoch ein Beschluss gegen einen allgemeinen Beitritt gefasst. Anlässlich der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner wurden in Kaufbeuren ein Protestmarsch durchgeführt, an dem auch Mitglieder des Gesellenvereins teilnahmen. Auf Grund von  verschiedenen Vorkommnissen und Äußerungen wurden einige danach vom Verein ausgeschlossen. Bei einem Ausflug zur Hammerschmiede in Gennachhausen wurde das Mitglied Peter Lederle bei einem Gewitter vom Blitz getroffen und verstarb. Zu Weihnachten 1919, der Verein zählte wieder 83 Mitglieder, wurde im Gesellenhaus elektrisches Licht installiert. Die Kosten betrugen mehr als 2000,00 Mark und wurden von den Ehrenmitgliedern übernommen. Das Jahr 1920 begann mit vereinsinternen Querelen. Grund war die Mitwirkung einiger Mitglieder bei einer Theateraufführung zu Gunsten des Katholischen Gesellenhauses, die einige Vorstandsmitglieder zum Rücktritt veranlasste. Die Schützenabteilung löste sich auf und im März 1920 kehrten die letzten Mitglieder aus der Kriegsgefangenschaft heim. Der große Ausflug des Jahre 1920 nach Oberthingau hatte ein Nachspiel. Da die Gesellen bei der Rückkehr nach Kaufbeuren vom Bahnhof her „in geschlossenem Zuge mit der Fahne an der Spitze“ zum Gesellenhaus marschierten erhielten sie eine Anzeige vom Stadtrat und einen Strafbefehl vom Amtsgericht wegen eines nicht angemeldeten Umzuges. 10,00 Mark Strafe und 20,00 Mark Lustbarkeitssteuer mussten an die Stadt entrichtet werden. Beim Ausflug nach Frankenried, im Januar 1921, traf man sich vor der Stadt, um in Hinblick auf das Vorjahr „ja keinen Staub mehr  aufzuwirbeln“. Auf dem Heimweg ist allerdings „ein Trommler während seiner Tätigkeit kopfüber in den Straßengraben geraten“. Zur Zylinderkneipe traf man sich im Gasthaus „Kappl“. Da jeglicher Umzug verboten war beschloss man, „im Abstand von zwei Schritten ein Mitglied aufzustellen, was in größtulkigster Weise einen riesigen Zug darstellte“. Das Theaterstück „Jedermann“ wurde auf Grund des starken Interesses 20 Mal aufgeführt. Am Jahresende hatte der Gesellenverein 335 Mitglieder (110 aktive Mitglieder, 108 Ehrenmitglieder und 117 Schutzmitglieder). Ab dem Frühjahr 1922 erfasste die Auswanderungswelle auch den Gesellenverein. Im Laufe der Zeit wanderten mehrere Mitglieder nach Chikago aus. Der 1. Internationale Gesellentag in Köln, an dem Oberbürgermeister Adenauer das Begrüßungswort sprach, wurde zu Pfingsten 1922 von mehreren Mitgliedern besucht. Vier Mitglieder fuhren die gesamte Strecke mit dem Rad.

Anlässlich der Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich wird im Januar 1923 eine Versammlung einberufen, bei der Präses Fink und Stadtpfarrer Huber an die Gesellen appellieren, infolge der immer größer werdenden wirtschaftlichen Not zu helfen wo es nur möglich ist. Durch Beschluss der Generalversammlung wurde eine so genannte „Hockersteuer“ im Gesellenheim eingeführt: Die Stunde von 22 – 23 Uhr kostete 10,00 und die Stunde von 23 – 24 Uhr 50,00 Mark. Das 70-jährige Stiftungsfest wurde Pfingsten 1923 zusammen mit dem Diözesangesellentag mit großer Feierlichkeit begangen. Im September nahm man an einer Bergmesse auf dem „Daumen“ teil, bei der die Allgäuer Gesellenvereine der gefallenen Mitgliedern gedachten.
1924 – 1933

Infolge der Inflation wurde bei der Generalversammlung 1924 der monatliche Vereinsbeitrag auf 0,30 Mark festgesetzt. Im März wurde die Weihe der 1898 angeschaffte Fahne nach ihrer Renovierung vorgenommen. Anfang 1925 zählte der Verein 180 aktive Mitglieder. Im Dezember des Jahres besuchte Landespräses Weber von der Kolping Society Chicago die Kaufbeurer Gesellen und man verlebte gemeinsam einen gemütlichen Abend im „Rosenbock“. Im Herbst 1925 empfing der Verein hohen Besuch durch Generalpräses Hürth. Hürth war der erste Generalpräses, der Kaufbeuren nach dem  Aufenthalt des Gesellenvaters Kolping am 25.Juni 1858 besuchte. Im Juni 1927 nahmen am II. Internationalen Gesellentag in Wien zwölf Kaufbeurer Gesellen teil. Anfang Oktober 1928 beging der Katholische Gesellenverein Kaufbeuren sein 75-jähriges Stiftungsfest, bei dem Generalsekretär Nattermann die Festansprache unter das Motto stellte „Die Gegenwartsaufgaben des Gesellenvereins“. Bei der Generalversammlung im Januar 1929 zählte der Verein wieder 230 Mitglieder. Beim III. Allgäuer Katholikentag im Herbst konnte der Gesellenverein Generalsekretär Nattermann wiederum als Gast begrüßen.
Ab Sommer 1930 mehrten sich die politischen Themen bei den Versammlungen des Gesellenvereins. Ausführlich wurde über die politische Lage der Gegenwart, die Hitlerbewegung und die Arbeitslosigkeit diskutiert. Ab 1932 beteiligte sich der Gesellenverein am freiwilligen Arbeitsdienst, indem Arbeitslosen gegen geringes Entgelt gemeinnützige Arbeit vermittelt wurde. Kurse in Rechnen, Zeichnen und Buchführung, sowie die Einrichtung einer Fachabteilung für das Schreinerhandwerk ergänzten die berufliche Aus- und Weiterbildung der Mitglieder. Mit regelmäßigen monatlichen Religionsvorträgen und vier Generalkommunionen im Jahr widmete man sich weiterhin der religiösen Erziehung. Der 1.  Deutsche Gesellentag im Juni 1933 stand im Schatten der braunen Machtergreifung. Die Samstagabendveranstaltung mit Vizekanzler von Papen konnte noch von 30 Kaufbeurer Gesellen miterlebt werden, doch da es in der Nacht zu von SA-Leuten provozierten blutigen Zusammenstößen kam, wurden alle Sonntagsveranstaltungen abgesagt. Die darauf folgende Wochenversammlung am 14.06. 1933 fand unter SA-Bewachung statt. Beim Präses und beim Senior Fichtmair führten SA und Polizei eine Hausdurchsuchung durch. Mit einer Sondergenehmigung konnte der Gesellenverein im Oktober 1933 eine außerordentliche Versammlung durchführen, bei der die neuen Richtlinien der Deutschen Kolpingsfamilie bekannt gegeben wurde. Ende 1933 erfolgte die Umstrukturierung zur  „Kolpingsfamilie Kaufbeuren“ mit den drei Säulen: Gesellengruppe, Altkolping und Meistergruppe.
1934 – 1945

Zum 1. Januar 1934 hatte die Kolpingsfamilie Kaufbeuren folgende Mitglieder beim neu eröffneten Stammbuchamt in Köln gemeldet: 90 Gesellen, 24 Altkolpingmitglieder und 20 Meister. Damit war Kaufbeuren die mitgliederstärkste Kolpingsfamilie im Bezirksverband. Auch in dieser Zeit wurden weiterhin wöchentliche Veranstaltungen abgehalten und der Bildung große Beachtung geschenkt. Zur Bezirkskonferenz im März 1934 verweilte zum wiederholten Male Reichspräses Dr. Nattermann in Kaufbeuren.
Ab 1935 wurde der Besuch bei den Veranstaltungen immer spärlicher, bei der Veranstaltung am 16.09.1935 erschienen nur noch 11 Gesellen. Bei der außerordentlichen Generalversammlung im August 1935 wurde der Verkauf des Gesellenhauses an die Waisenhausstiftung beschlossen. Damit  wurde verhindert, dass die Hitlerjugend das Haus an sich brachte. Fortan wurde die „Rosenau“ für den Verein ausgebaut und man richtete dort ein Gesellenstübchen (mit Übernachtungsmöglichkeit) ein.
Der Verkauf dürfte allerdings erst 1937 erfolgt sein, da das Fremdenbuch der Kolpingsfamilie noch bis zum Sommer 1937 Durchreisende verzeichnete. Da die Kolpingsfamilie nicht in der Presse über ihre  Veranstaltungen informieren durfte, teile man 1936 die Mitglieder in verschiedene Gruppen auf. Diese wurden von je einem Mitglied über alle Aktivitäten benachrichtigt, so dass bald auch wieder die Besucherzahl bei den Veranstaltungen anstieg. Die letzten Eintragungen in das Protokollbuch erfolgten anlässlich einer Familienwoche der Kolpingsfamilie gemeinsam mit Generalpräses Hürth Ende April 1937. Weitere Veranstaltungen fanden Ende der 30er Jahre mit wenigen Mitgliedern in der „Rosenau“ bzw. im Garten eines Mitgliedes statt. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges erstarb jegliches  Vereinsleben. Über die Mitglieder Karl Linder und Wendelin Mayerhofer wurden in unregelmäßigen Abständen Informationen weitergegeben. Nach dem Ende der braunen Gewaltherrschaft formierten sich im Sommer 1945 die ersten Kolpingsöhne unter Vikar Brenner um die Kolpingsfamilie in Kaufbeuren  wieder zu neuem Leben zu erwecken.
1946

Am 17.März fand die erste Generalversammlung nach dem 2. Weltkrieg statt und ab Mai trafen sich die Gesellen dann wieder regelmäßig, montags zum Gedankenaustausch und zur Beratung gemeinsamer Unternehmungen. Der Mitgliederstand betrug 113 Personen.

1947
Einführung des neuen Präses, Vikar Runge und Senior August Stöhr.

1948
In diesem Jahr berieten die Mitglieder erstmals über den Neubau eines Gesellenhauses. Bei der Generalversammlung wurden Senior Stöhr und Altsenior Rothärmel in ihren Ämtern bestätigt.

1949
Das Theaterspiel lebte wieder auf. Mehrmals fanden Besprechungen über den Bau des Gesellenhauses statt. Durch die Währungsreform erfuhr das Vorhaben jedoch eine Verzögerung. Der Mitgliederstand betrug 148 Personen. Josef Barnsteiner wurde zum Senior; Hermann Kleiner zum Altsenior gewählt. Kolpingbruder Merz (ausgewandert 1928) von der Kolpingsfamilie in Chicago wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Er schickte nach dem Kriege mehrfach Pakete um die größte Not lindern zu helfen. Es nahmen sechs Gesellen am Internationalen Gesellentag in Köln teil. Zahlreiche Mitglieder beteiligten sich aktiv am Bau der Notkirche in Kaufbeuren- Hart; zudem wurde eine Fußballmannschaft gegründet.

Ansprechperson

Guido Moser

Guido.Moser@gmx.de

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