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Hennef

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„Stadt Blankenberg“ – Ein Hennefer Ortsname, der Fragen aufwirft

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Ein Ortsteil, der das Attribut „Stadt“ in seinem Namen trägt, verursacht auf den ersten Blick Verwunderung und führte vor Jahrzehnten sogar zu einer Kontroverse zwischen dem Hennefer Stadtrat und den übergeordneten Behörden. Grund genug für die Kolpingsfamilie Hennef, einen Experten einzuladen und nach den Hintergründen zu fragen.

Das Thema des Informations- und Gesprächsabends lautete: „Stadt Blankenberg, ein historischer Teil von Hennef?“ Die Antwort gab Jan Baucke, Leiter des Stadtarchivs Hennef. Und die Antwort machte er sich nicht einfach und blickte dazu in die Geschichte zurück. Hinweise auf eine Siedlung Blankenberg gibt es bereits im Jahr 1171, berichtete Jan Baucke. Zehn Jahre später ist die Burg durch den Grafen von Sayn offenbar fertiggestellt. Historisch erwähnt wird im gleichen Jahr 1181 ein Vergleich nach Streitigkeiten der Grafen von Sayn mit der Abtei Siegburg.

Bald darauf wächst die Besiedlung des Gebietes unmittelbar an der Burg und südlich davon. Im Jahr 1245 erfolgt dann die Verleihung der Stadtrechte.

Das hatte Folgen: Blankenberg erhält ein eigenes Gericht, das durch Schöffen, Richter oder Schultheiß ausgeübt wird. Für die Bürger ist es von Vorteil, dass nicht weitab in der Ferne über sie geurteilt wird. So herrscht ein gewisses Maß an Eigenverwaltung durch Gericht und Magistrat, berichtete der Stadtarchivar. Die Bürger von Blankenberg genießen weitere Vorteile: Sie sind von Steuern und Abgaben sowie weiteren Verpflichtungen befreit, darunter „Herbergsverpflichtungen“.

Es gibt auch ein eigenes Münz- und Siegelrecht. Das Marktrecht erlaubt sowohl einen Wochen- und einen Jahrmarkt. Das gilt zunächst für alle, die innerhalb der Stadtmauer leben, später auch für diejenigen „im Burgbann“, also den umliegenden Siedlungen. Was im Mittelalter noch nicht selbstverständlich ist: Frauen sind zumindest mitgemeint. Im Jahr 1248 erfolgt die Erhebung der Kirche Sankt Katharina zur eigenen Pfarrkirche.

Eine Änderung gibt es noch im Mittelalter: 1363 geht das „Land Blankenberg“ an das Herzogtum Berg, an das es vorher von Gottfried von Heinsberg verpfändet worden war. Die neue Verwaltungseinheit nennt sich nun „Amt Blankenberg“, berichtete Jan Baucke. Vorsteher sei der Amtmann gewesen, sein Stellvertreter und oberster Gerichtsherr war der „Landdinger“ – eine alte Bezeichnung für den Verwalter eines Amtes im Herzogtum Berg. Auf manchen Straßennamen findet er sich noch heute.

Zwei Kriege zerstören die heile Welt in Blankenberg und dessen Umgebung: zunächst der Truchsessische (1583-1588) und dann der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). Blankenberg wird wiederholt besetzt und die Burg schließlich „geschleift“. Übrigens werden auch Geistingen (erstmals im Jahr 885 erwähnt) und Hennef (im Jahr 1075 erstmals urkundlich erwähnt) kurz vor Kriegsende im Jahr 1588 völlig niedergebrannt.

Wie Jan Baucke berichtete, bedeutet die Zerstörung der Burg als sicherer Zufluchtsort eine Zäsur: Die Verwaltungsbeamten suchen sich nun andere Aufenthaltsorte: Die herrschaftlichen Häuser der höheren Beamten, zum Beispiel Lindenhof und Proffenhof, sind auch heute noch gut sichtbar. Bis ins 19. Jahrhundert war aber nicht Hennef, sondern Geistingen der maßgebliche Ort. Ende des 18. Jahrhunderts hatte Geistingen ca. 600 Einwohner, Hennef knapp über 200. Das Ende des Amtes Blankenberg besiegelte Napoleon im Jahr 1805/06 mit der Aufhebung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

Anknüpfend an die Franzosenzeit, so berichtete Jan Baucke, wurden unter preußischer Herrschaft ab 1815 die Gemeinden Geistingen und Blankenberg zur Bürgermeisterei Hennef vereinigt. Die Gemeinden behielten aber jeweils eigene Räte. Die wirtschaftliche Entwicklung sorgte endgültig für eine Verlagerung von Blankenberg über Geistingen nach Hennef. 

Die 1830 im Bröltal bei Ruppichteroth gefundenen Eisenerzvorkommen mussten zur Troisdorfer Friedrich-Wilhelms-Hütte transportiert werden, zuerst mit einer Pferdebahn, dann mit der ersten öffentlichen Schmalspurbahn Deutschlands. In Hennef wurde das eisenerzhaltige Gestein auf die Normalspurbahn der Siegstrecke umgeladen. Hennef entwickelte sich zum industriellen Zentrum mit vier prägenden Fabriken, die im Stadtplan von 1877 eingezeichnet waren, wie Jan Baucke in seinem Vortrag bei der Kolpingsfamilie hervorhob. Der Schwerpunkt lag in der Landmaschinenproduktion. Und das Chronos-Werk produzierte ab 1881 die erste automatische und eichbare Waage der Welt.

Dem verkehrsgünstigen Standort mit Bahnhof und Straßenverbindungen nach Köln und Frankfurt konnte Blankenberg nichts entgegensetzen. Mit Wirkung vom 1.4.1934 werden die beiden Gemeinden Geistingen und Blankenberg zur neuen Gemeinde Hennef zusammengelegt. Ab 1981 wurde Hennef verwaltungstechnisch von der Gemeinde zur Stadt umgewidmet. 

Zuvor hatte die von den Bürgerinnen und Bürgern des Ortes selbst gewählte Bezeichnung „Stadt Blankenberg“ allerdings die Aufmerksamkeit eines höheren Verwaltungsbeamten gefunden und zu Protest geführt. Ein Ortsteil, der das Attribut „Stadt“ in seinem Namen trägt, fand zunächst keine Zustimmung, sondern Widerspruch. Der Hennefer Stadtrat beharrte allerdings auf seinem Recht, über Ortsnamen zu bestimmen. Wie sich der Konflikt in den 50-er Jahren genau entwickelt hat, ließ der Stadtarchivar bei seinen Ausführungen offen. Als Ergebnis hielt er fest: Der Streit, der bis ins Innenministerium von NRW gelangte, wurde zugunsten der Blankenberger Bürger beigelegt und Stadt Blankenberg behielt seinen Namen – bis heute.

Ist Stadt Blankenberg nun ein historischer Teil von Hennef? Wie so oft kommt es auf die Betrachtung an. Fest steht, dass Stadt Blankenberg die weitaus längere Zeit seiner Existenz eine Art Selbstverwaltung hatte und vor allem im Spätmittelalter auch durchaus überregionale Bedeutung besaß. Das ehemals eher unbedeutende Hennef entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung aber rasant und lief dem kleinen Dorf dann schnell den Rang ab. Die Eingemeindung in die Bürgermeisterei, später Gemeinde und Stadt Hennef, war also nur folgerichtig.

Welche Bedeutung Stadt Blankenberg für die gesamte Stadt Hennef heute noch hat, wird am Hennefer Stadtwappen deutlich, das Jan Baucke zum Abschluss präsentierte. Es besteht zum überwiegenden Teil aus drei Türmen, welche die Burg Blankenberg darstellen, außerdem aus dem Bergischen Löwen, der bereits das Siegel von Geistingen zierte, und der jetzt eine Weintraube In der Pranke – als Ausdruck für den Weinbau, der in vielen Teilen Hennefs verbreitet war. Heute wird er in geringem Ausmaß noch in Stadt Blankenberg gepflegt, früher aber auch in Bödingen, Geistingen und Weingartsgasse.