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Vom Mörder zum Menschenretter

veröffentlicht am

Ein Mann, der einen der größten Autoschieberringe Europas aufzieht, der mit der Russenmafia Geschäfte macht, in dessen Leben sich bis dato alles um Gewalt und Macht dreht und der schließlich zum Mörder wird … Kann sich ein solcher Mensch grundlegend ändern und seinem Leben eine komplette Wende geben?

Er kann. Thorsten Hartung ist der lebende Beweis. Am Samstag, 20.10., erzählte er im kath. Gemeindehaus seine Lebensgeschichte. Sehr klar, sachlich und direkt, fast kühl und distanziert, berichtet er zunächst über sein Elternhaus, seine Kindheit. Die zahlreichen Zuhörer sind still, gebannt und auch betroffen lauschen sie seinen Schilderungen. Das viel zitierte Klischee einer ?schweren Kindheit? ? bei Hartung war es traurige Realität. Keine Rechtfertigung für sein Verhalten, wie er selbst sagt ? aber zum Verständnis dienend.

Die Kindheit geprägt durch viel Streit der Eltern, Schläge und Gewalt, auch durch die Mutter. Im Alter von 7 Jahren verliert er sein Urvertrauen, wie Hartung es selbst benennt. Die Mutter droht ihrem Sohn damit, sich zu erhängen, erklärt ihm, mit einer Wäscheleine in der Hand auf einen Stuhl steigend: “Du bist schuld. DU.” Ihre Drohung macht sie nicht wahr, doch die Gewalt geht weiter. Hartung verliert den Glauben an Gerechtigkeit, wird in der Schule auffällig, … Er ist Opfer, zu Hause und in der Schule. Als sein Vater ihn eines Tages fast tot prügelt, beschließt der knapp 11Jährige, ab sofort nicht mehr Opfer, sondern Täter zu sein. Er wird ein gefürchteter, stadtbekannter Schläger, körperlich und emotional abgehärtet. Mit 18 Jahren landet er das erste Mal im Gefängnis, danach immer wieder. Nach 7 Jahren die Trennung von seiner ersten Liebe Antje (sie ?kann nicht mehr?) – er verliert vollends den Halt. Zum ersten Mal denkt er über sein bisheriges Leben nach und erinnert sich an kein einziges positives Erlebnis. An diesem Punkt “verkauft er seine Seele dem Teufel” (wie Hartung es formuliert) – für 1,5 Jahre Leben wie ein König. Wie auch immer erfüllt sich dieser Wunsch …

Zufällig trifft er in Ostberlin auf den Paten von Riga, der ihn als Autoschieber engagiert. Nach und nach wächst die Organisation auf 54 Personen an, Hartung steigt zum Chef der Bande auf. Mit einem Verdienst von 90.000 $ pro Woche lebt er im Luxus. Hierarchie, strenge Ordnung und Angst halten die Organisation zusammen. Wer am meisten Angst verbreitet, steht an der Spitze ? Angst schweißt zusammen. Als ihm 1992 einer seine Position streitig machen will, erschießt Hartung ihn kaltblütig. Hartung wird vom Schläger und Autoschieber zum Mörder.

Als sei nichts gewesen, macht er noch einmal Urlaub mit Antje in San Salvador. Im Wallfahrtsort betritt er aus rein kunsthistorischem Interesse ein Kirche. Er verspürt erstaunlicherweise ein gutes, ein angenehmes Gefühl, das er damals noch nicht einzuordnen weiß. Auf Drängen von Antje schreibt er auch einen Wunsch auf einen Zettel: ?Ich wünsche mir ein Leben in Glück?. Kurze Zeit später stürzt Hartung beim Paragliding auf der Insel ab. Er ist nur leicht verletzt. Antje, die auch keinen Gottglauben hat, reagiert ?Du bist nicht tot, weil Gott mit dir noch was vorhat? ? Was Gott vorhatte, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen ?

Drei Monate später wird Hartung von Interpol verhaftet. Er kommt in Einzelhaft. Isolation. 4 Jahre, 9 Monate und 2 Tage auf 8 m². Im Gefängnis beginnt er sich selbst Fragen zu stellen: Wer bin ich? ? Was ist Aggression? ? Er sei in seiner eigenen Lebensgeschichte keinem bösartigeren Menschen begegnet als sich selbst, sei gefangen mit seiner eigenen Schuld. Ein Satz, der Wirkung zeigt. ?

An diesem Punkt steht das erste bewusste Gebet Hartungs. Im Bettlaken am Fenster, das als Sonnenschutz dient, erkennt er ein Kreuz und erzählt Gott seine Lebensgeschichte. Er bittet darum, dass Gott ihm neues Leben schenke ? Plötzlich hört er eine seltsame, liebevolle Stimme ?Ich weiß? ? nun war er sich der Existenz Gottes ehrfürchtig gewiss. Hartungs bisheriges Welt- und Wertebild zerfiel. Mit der Erkenntnis, das ?Gott ist?, schlief er das erste Mal wie ein Baby. Beim Freigang am nächsten Tag sind die Mitgefangen verwundert und fragen Hartung: ?Warum lächelst du? Warum glänzt du so?? Von nun an nimmt die Wandlung Hartungs Formen an ? Sein Leben ändert sich ? am 15. Mai 1998.

Er beschafft sich Bücher, um seine Fragen zu beantworten. Von einem Sozialarbeiter erhält er eine Bibel, die zunächst in seiner Zelle verstaubt. Zwei Monate später: Hartung liegt auf seinem Bett, als er erneut die ihm nun vertraute Stimme hört: ?Nimm und schlag auf?. Hartung greift zur Bibel: ?Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, dann erweist sich Gott als treu und gerecht: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen? (1 Joh 1,9). Die Bibel wirft er in die Ecke.

Erneut stellt er sich einige Zeit später die Frage, ob Gott alle Sünden vergibt. Wieder vernimmt er die Stimme: ?Nimm und schlag auf?. Hartung liest ?Vom Tod zum Leben? (Eph 2). Dieses Mal wirft er die Bibel nicht in die Ecke. Hartung macht ?tabula rasa?. Er legt ein Lebensgeständnis ab und erhält 15 Jahre Zeitstrafe (6 Jahre und 10 Monate war er davon in U-Haft ?). Während der restlichen Haftzeit widmet sich Hartung dem Bibelstudium und stellt sich weitere 100 Fragen rund um das Thema ?Wie ist Gott? Was will er von mir? Wer ist ???

Der Gefängnisseelsorger Pfr. Erwin Probst ist eine wichtige Bezugsperson in dieser Zeit. Bei ihm erhält Hartung Katechumenunterricht, er taucht tief ein in die Welt der Heiligen, ? Schließlich wird er im Jahr 2000 in der Gefängniskapelle getauft ? 8 Jahre nach dem Mord, der ihm nie nachgewiesen werden konnte. Die Marienstatue, die er immer bei sich hat, ist Ersatz für die Mutter, die nie da war. Immer wieder schreibt Hartung Wünsche auf kleine Zettel ? alle werden erfüllt.

Hartung ist der Wandel gelungen ? vom Mörder zum Menschenretter. Mit 720 Mark wurde er aus dem Gefängnis entlassen, ein Freund animierte ihn, an einer Wallfahrt teilzunehmen. In Korea lernte Hartung seine heutige Frau Claudia kennen. Mit ihr gründet er ?Maria hilf-t? und das ?Haus der Barmherzigkeit?, wo sie sich um jugendliche Straftäter kümmern, mit ihnen zusammenleben, sie sozialisieren ? Auch Menschen, die ihre eigene Geschichte aufarbeiten wollen, sind Gast und leben kürzere oder längere Zeit in der Gemeinschaft.

Den Zuhörern gibt Hartung mit auf den Weg, immer wieder bei Gott nachzufragen: ?Wer bin ich? Wo komm ich her? Was ist der nächste Schritt? Wo geh ich hin?? ? und genau auf die Antwort zu achten. Im Anschluss hatten die Zuhörer Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen und mit Hartung ins Gespräch zu treten.

Im Gegensatz zum Tod seiner Eltern stellt Hartung fest, dass sein Schwiegervater im Herzen seiner Kinder Spuren hinterlassen habe. Es sei schwer, den Eltern zu vergeben, aber Hartung weist darauf hin, dass ?man nicht auf die Täterschaft sich selbst gegenüber schauen solle sondern auf die eigene Opferschaft der Eltern?. Er bittet die Anwesenden, ?in den Herzen der Menschen ein Spur der Liebe zu hinterlassen.?

Hartung zeigt durch sein jetziges Leben, dass er sich gewandelt hat. Während er erzählt, ist jedoch noch immer die Eloquenz zu spüren, die ihn zu einem mächtigen Kriminellen hat werden lassen. Verhehlen will er das gar nicht, aber er setze diese Talente nun anders und zum Guten ein.

Im Buch ?Du musst dran glauben? hat Hartung seine Lebensgeschichte aufgeschrieben.

Ansprechperson

Kai Bechtold

Kai_Bechtold@hotmail.de

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