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Vortrag am 22. Juni 2021

veröffentlicht am

Endlich, nach 16 Monaten corona-bedingter Zwangspause, konnte wieder ein Vortragsabend – unter Beachtung strenger Abstands- und Hygienevorschriften – angeboten werden.
Mit der Frage „Wie viel Sklaven arbeiten für mich auf der Welt?“ war der Vortrag überschrieben.
Den Blick auf den Frühstückstisch nutzte Referent Friedrich Wölfl aus Pechbrunn als Einstieg: Orangensaft, Kaffee, Schokocreme, bereit liegen schon Handy und Autoschlüssel. An wenigen Beispielen veranschaulichte der Studiendirektor a.D. Zusammenhänge zwischen unserem Lebensstil und Arbeitsbedingungen in aller Welt.

Die Antwort auf die provokante Themafrage, wie viele Sklaven sich jeder von uns hält, setzt Wissen um die Lieferketten voraus: Kakaobohnen aus Westafrika, Orangen aus Brasilien, Kaffee aus Süd- und Mittelamerika, Coltan für Akkus und Elektronik aus Afrika, T-Shirts aus Asien. Das „Ausquetschen“ von Zulieferern führt in vielen Ländern zu sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen. Es fehlt an Standards bei Löhnen und sozialer Absicherung, es gelten die „Gesetze des Marktes“, ohne Folgen bleibt die Missachtung von Menschenrechten. Die Folgen sind Kinderarbeit ebenso wie Zwangsarbeit, wohnungslose Wanderarbeiter ebenso wie Menschenhandel, Armut ebenso wie Hunger, geringe Lebenserwartung oder Fluchtbewegungen.

Es gehe ihm nicht darum, Mitleid, Betroffenheit oder Gewissensbisse zu erzeugen, so der Referent, vielmehr um Kenntnisse über hochkomplexe Zusammenhänge und um Einsichten. Dass sie nicht sofort zu verändertem Verhalten führen, habe die Verhaltensökonomik gut erforscht. Man sollte aber doch um die Mechanismen auf den globalen Märkten Bescheid wissen, aber auch um die Verdrängungsmecha-nismen, die wir – falls wir uns dazu Gedanken machen – in unseren Köpfen gerne in Gang setzen. Fair-trade-Artikel und faire Lieferketten nehmen zu, machen aber dennoch auf dem Markt nur einen verschwindenden Anteil aus.

Wie kann man jetzt den „persönlichen Sklavenabdruck“ ermitteln, wenn auch nur annäherungsweise? An der Online-Software slavefootprint.org kann man sich testen: Anhand von Fragenpaketen zu Wohnen, Essen, Freizeitverhalten, Kleidung, Mediennutzung oder Medikamenten werden die individuellen Lebensumstände und das Konsumverhalten ermittelt. Die Software ermittelt dann – natürlich nur als Annäherungswert – eine Anzahl von Personen, die in Folge dieses Konsumverhaltens in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse gezwungen werden. Überraschend dabei, dass wir solche Bedingungen auch in der Europäischen Union dulden, weil einzelne Länder weder bei Mindestlöhnen noch bei sozialen Standards auf ein Existenzminimum achten.

Kann das aktuell verabschiedete „Lieferkettengesetz“ eine Lösung sein? In der sich anschließenden lebhaften Diskussion blieben mehrere Zuhörer skeptisch. Aber immerhin könnte die verlangte Sorgfaltspflicht bei Unternehmen und Konsumenten ein stärkeres Bewusstsein von den Zusammenhängen fördern. Kontrovers diskutiert wurde auch die Chance, über die sowieso schwierig zu erreichenden Verhaltensänderungen bei uns die sklavenähnlichen Verhältnisse zu verändern. Ergänzend dazu schlug Pater Joseph vor, ob nicht über die Förderung von Genossenschaften, Erzeugerkooperationen und Mikrokrediten in Afrika und Asien langfristig dort einen fairen Markt ermöglichen würden: Neben staatlichen Regelungen könnten Produktionsmöglichkeiten, Handel und Gewerbe und Konsum vor Ort die sklavenähnliche Verhältnisse verringern helfen.