Knapp 50 Teilnehmende fanden sich am 11.06.2026 am Treffpunkt ein, um zusammen mit Mechthild Benz und Jürgen Hein-Benz vom Arheilger Geschichtsverein auf den Spuren des jüdischen Lebens zu wandeln.
Nach einer kurzen Begrüßung durch Sebastian Titz, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Arheilgen, ging es von der Kreuzung Untere Mühlstraße / Bachstraße in Richtung Norden. Neben vielen Mitgliedern der Kolpingsfamilie nahmen auch dieses Mal wieder neue interessierte Mitmenschen teil, worüber sich insbesondere der Vorstand der Kolpingsfamilie sehr freut.
Erste Station in der Bachstraße war das Haus mit der Nummer 6. Hier praktizierte einst der jüdische Arzt Dr. Arthur Goge, der 1937 seine Praxis in Arheilgen wegen des Verlusts der Kassenzulassung schließen und dann 1939 mit seiner Familie über England in die USA fliehen musste.
Nach wenigen Metern bog die Gruppe nach links in die Straße „Nach dem Wieschen“ ein. Vorbei am Stolperstein für Dora Stern und weiter nach rechts in die Kleine Brückenstraße. Dort wo heute das Haus mit der Nummer 14 steht, stand früher die Synagoge von Arheilgen, die zwar die Reichs-Pogromnacht überstand, da sie schon an eine Arheilger Familie verkauft worden war, dann aber später doch abbrannte und in den 1960er Jahren abgerissen wurde.
Zurück auf die Darmstädter Straße zur Nummer 3. Dort wohnte Familie Karlsberg, was durch vier Stolpersteine auf dem Gehweg dokumentiert ist. Die Töchter Erna und Franziska konnten mit dem letzten Geld der Familie und einer Spende aus dem Synagogenverkauf in die USA fliehen. Die Eltern Johanna und Leopold wurden ins ostpolnische Ghetto Piaski verschleppt und dort ermordet.
Dann weiter nach rechts in die Messeler Straße vorbei an den Stolpersteinen der Familie Goge, die hier ihre Mietwohnung hatten, und der Schwägerinnen Betty und Berta Kahn zum Stopp am Rathaus. Hier gab es Einblicke in die Arheilger Lokalpolitik der 1920er und 1930er Jahre. Die Anfänge gaben zwar Grund zur Hoffnung, doch mit der Machtergreifung im Jahr 1933 wurde es auch in Arheilgen schwer, politischen Widerstand zu leisten.
Die letzte Straßen-Station lag am „Wechsler-Eck“, benannt nach der jüdischen Bäcker-Familie, die dort wohnte. Heute treffen hier die Felchengasse und die Aron-Reinhard-Straße auf die Messeler Straße. Auch hier berichteten die ehrenamtlichen Experten vom Geschichtsverein über das Leben der jüdischen Familien Wechsler und Reinhard und die Missetaten der Nazis. Aus Arheilgen wurden unter den Nazis elf Menschen jüdischen Glaubens – Männer, Frauen und Kinder – in Konzentrationslagern ermordet oder in den Tod getrieben, 14 Menschen verloren durch Flucht ins Ausland ihren Lebensmittelpunkt und ihre Existenzgrundlage.
Berichte über die Rolle des damaligen evangelischen Pfarrers und dessen pragmatische Art, den einstigen Ungerechtigkeiten zu begegnen, sowie über das Schicksal der jüdischen Familie Simon schlossen den Rundgang vor dem Gemeindehaus der Auferstehungsgemeinde ab. Tiefe Betroffenheit der Teilnehmenden mischte sich mit Dankbarkeit für das Engagement von Mechthild Benz und Jürgen Hein-Benz gegen das Vergessen.
Die Referenten hatten ihren Vortrag unter die Überschrift „Zerbrochene Nachbarschaft“ gestellt. „Wie wichtig diese Erinnerungsarbeit ist, zeigte ein unschöner Vorfall gegen Ende des Rundgangs, als jemand aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug den verbotenen Hitlergruß rief“, berichtet Sebastian Titz. „Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung finden ganz offensichtlich nicht irgendwo anders statt, sondern auch ganz konkret hier, in unserer Nachbarschaft.“ Der Vorfall wurde zur Anzeige gebracht.
Im Anschluss trafen sich rund die Hälfte der Teilnehmenden noch im Biergarten zum Weißen Schwan, um weiter über das Gehörte und Erlebte zu diskutieren.