Die Kolpingsfamilie Clarholz feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Und wenn drei gestandene Mitglieder erzählen, was es mit dem vormaligen katholischen Gesellenverein auf sich hat, dabei noch alte Fotos oder Mitgliedsausweise vor sich liegen haben, dann geht es von Höcksken auf Stöcksken. Norbert Gertheinrich, Josef Haunert und Bertram Hagenkötter schildern, beschreiben, zeigen, was Kolping für sie bedeutet. Adolph Kolping (1813 bis 1865), der „hat die Jungs von der Straße geholt“, sagt Josef Haunert, früheres Vorstandsmitglied. „Und ihnen ein Zuhause gegeben“, fügt Bertram Hagenkötter, Vorsitzen der, an.
Früher, erzählt der ehemalige, langjährige Vorsitzende Norbert Gertheinrich, durften wirklich nur Personen mit einer Gesellenprüfung im Handwerk Mitglieder im katholischen Gesellenverein werden. „Selbst Kaufleute hat man da nicht rein gelassen.“ Kolping, selbst gelernter Schuhmacher, der später sein Abitur machte, studierte und katholischer Priester wurde, habe Gesellschaft verändern wollen. 1849 gründete er in Köln den ersten Gesellenverein. Heute ist das Kolpingwerk Deutschland ein katholischer Sozialverband mit bundesweit rund 200 000 Mitgliedern jeden Alters in rund 2100 Kolpingsfamilien.
Die Clarholzer ist eine davon. Und widmet sich wie der Gesamtverband dem Bewusstsein für ein verantwortliches Leben und solidarisches Handeln. Und ist dabei in den Jahrzehnten natürlich den gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Auch den politischen, erinnert Bertram Hagenkötter an ein Vorkommnis, das der Ursprung für die Nachtwallfahrt sein soll. 1933 sollen einige Kolpingmitglieder des Bezirks Wiedenbrück in München am Tag des Gesellenvereins teilgenommen haben. SA-Leute stürmten die Veranstaltung, es kam zum vorzeitigen Abbruch. Die Besucher aus der Region aber wickelten sich das Kolpingbanner unter ihre Kleidung und traten die Heimreise an. Ein gefährliches Unterfangen – verbunden mit dem Versprechen, sollten sie wohlbehalten in der Heimat ankommen, jedes Jahr eine Wallfahrt zu Ehren der Mutter Gottes nach Wiedenbrück zu machen. „Und deshalb gibt es die jährlichen Wallfahrten im Bezirk Wiedenbrück heute noch“, so Hagenkötter.
Aus der NS-Zeit wurde weiteres überliefert. Auf Befehl der Nationalsozialisten sollte die Fahne der Clarholzer Kolpingsfamilie zerstört werden. „Josef Terlutter hat das aber nicht über sich gebracht“, erzählt der Vorsitzende. Und so habe er die Fahne bei Sandmann in einem Hohlraum unterm Dach versteckt, wo sie später durch Zufall gefunden worden sei. „Eine Geschichte vom Hörensagen“, merkt Bertram Hagenkötter an.
Josef Haunert blättert in seinem Mitgliedsausweis. Am 4. Mai 1958 ist er in die Clarholzer Kolpingsfamilie eingetreten. Nicht ohne Stolz zeigt er die Marken, die von einer bewegten Zeit mit Reisen und vielfachen Stationen in Kolpinghäusern in der Welt künden. Und auch den Besuch eines Ehevorbereitungsseminars 1964 ausweisen. „Auch das hat Kolping früher gemacht“, sagt Haunert.

Mitgliedsausweise aus den verschiedenen Jahrzehnten: Sie zeigen auch die Entwicklung zum modernen Kolpingwerk.
„Du brauchst nicht lange fragen, Kolpinger packen an“
Lange Zeit waren Gesellenverein und Kolping eine reine Männerdomäne. Seit wann genau auch Frauen aufgenommen werden, das wissen Norbert Gertheinrich, Josef Haunert und Bertram Hagenkötter nicht.
Ob Frauen mit der Gründung einer Theatergruppe in den Verein kamen? Vielleicht. „Auf jeden Fall war die damals sehr erfolgreich“, erinnert sich Norbert Gertheinrich an die 1960er-Jahre und insbesondere an das Stück „Eine Mutter betet für ihr Kind“, das im Saal Schlüter aufgeführt wurde. Aber ob das wirklich der Zeitpunkt war, an dem auch Frauen die Reihen Kolpings belebten? Die Fotos aus der damaligen Zeit zeigen jedenfalls nur Männer.
Da sei die Kolpingsfamilie aus Weilheim schon fortschrittlicher gewesen, merkt Josef Haunert verschmitzt an. Dort war er in seinen jungen Jahren Mitglied – auch im Vorstand. Und zeigt flugs ein paar Fotos von Karnevalsfeiern der dortigen Kolpingsfamilie. Und viele Frauen lachen in die Kamera. „Da gab es das in Clarholz noch nicht“, so Josef Haunert zur Gleichberechtigung.
Dabei: „Gefeiert haben wir auch“, sagt Norbert Gertheinrich. Beispielsweise Sommerfeste für die Familien. Im Wechsel bei Schlüter und bei Gastwirt Lönne. Unter anderem mit Sackhüpfen haben sich die Kinder damals unterhalten. „Und wir haben viel Spaß gehabt“, resümiert Norbert Gertheinrich.
Dabei geraten religiöse und solidarische Aspekte nie ins Hintertreffen. „Wir sind zur Seligsprechung Adolph Kolpings 1991nach Rom gefahren“, erzählt Norbert Gertheinrich, wird einen Moment still und wirkt auch Jahrzehnte später noch berührt. „Jetzt beten wir für die Heiligsprechung Adolph Kolpings“, merkt Bertram Hagenkötter an.
Er erzählt von der DKMS-Typisierungsaktion im Jahr 1995. „586 Bürger haben mitgemacht“, findet er die Zahl heute noch unfassbar beeindruckend. Es gibt viel, an das die Drei sich erinnern: Zeltlager, Sternsinger-Aktionen, politische Diskussion, Erntedankumzüge. . . „Eine stressige, aber schöne Zeit“, bilanziert Gertheinrich. Das Kolpingswerk, das sei in mehr als 60 Ländern der Welt vertreten, ist Josef Haunert wichtig, auf das soziale Engagement hinzuweisen. Kolping unterstütze Kaffeebauern, stehe für Wege zur Selbsthilfe. Wenn mal Vertreter dieser Projekte vor Ort gewesen seien, dann habe man viel Dankbarkeit für die Unterstützung auch aus den Reihen der eigenen Kolpingsfamilie erfahren.
Feiert die Clarholzer Kolpingfamilie ihr 100-jähriges Bestehen, ist es beim Dachverband das 175-jährige. Bertram Hagenkötter war zur Verbandsfeier in Köln. „Da war eine so gelöste Stimmung, da war einfach Power drin“, sagt er. Und was ihn noch begeistert: „Wenn du mit Kolpingern unterwegs bist, brauchst du nicht lange fragen, die packen sofort mit an.“

Jährlich wurden früher Sommerfeste
von Kolping veranstaltet.
Gottesdienst, Festakt und Treff am 24. Mai
Wenn man Bertram Hagenkötter fragt, was er sich für die Zukunft wünscht, kommt eins wie aus der Pistole geschossen: „Dass Kolping weiter geht.“ Und dann, dass das Jubiläum am 24. Mai ein „Erlebnistag für alle Teilnehmer wird“. Er lädt ein, miteinander ins Gespräch zu kommen, Erinnerungen auszutauschen.
Und zwar im Rahmen des Festtags am Samstag, 24. Mai. Beginn ist um 17 Uhr mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Laurentius, Festprediger ist der Paderborner Diözesanpräses Sebastian Schulz. Im Anschluss gibt es einen Bannermarsch zur Wilbrandschule, wo in der Aula der Festakt beginnt. Danach besteht Gelegenheit zu Gesprächen und Austausch. Die Einladung bei Imbiss, Erfrischungen und Partystimmung mitzufeiern, ergeht an alle Interessierten, so Bertram Hagenkötter. […]
Schlaglichter aus der Chronik
- Dezember 1925: Vikar Franz Wintersohle lädt zur Gründung eines Gesellenvereins ein. Es wird mit 30 Mitgliedern gerechnet. Nach der Gründung folgt die Wahl des ersten Vorstands: Senior ist Josef Terlutter; Schriftführer Heinrich Kiskemper, Kassierer Christoph Hülshörster.
- 1931: Im Februar wird eine Theaterabteilung gegründet, die in der Weihnachtszeit das Stück „Als er wiederkam“ aufführt. 40 durchreisenden Gesellen gewährt der Verein Logis und Verpflegung.
- 1933: Durch die Nationalsozialisten wird das Kolpingwerk mehr und mehr auf das rein religiöse Gebiet zurückgedrängt und in den folgenden Jahren werden in Deutschland zahlreiche Einrichtungen des Kolpingwerks geschlossen. Die Gestapo inhaftiert viele Kolping-Präsides in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. Mehrere von ihnen werden hingerichtet.
- 1946: Im Januar findet die erste Generalversammlung nach dem Krieg statt.
- 1961: Die Aufführung des Theaterstücks „Mit Küchenbenutzung“ wird ein großer Erfolg. Bis 1968 finden in jedem Jahr Aufführungen der Laienspielschar statt.
- 1962: Im Januar wird erstmalig die Aktion Rumpelkammer in Clarholz durchgeführt – vier Jahre bevor sie offizielle Veranstaltung des Bezirksverbands Wiedenbrück wird. Im März beginnt eine Reihe von Eheseminaren, die bis zum Ende der 1960er-Jahre regelmäßig angeboten werden.
- 1975: Die Kolpingsfamilie Clarholz feiert 50-jähriges Jubiläum. Im März hat sie gemäß der neuen Satzung der Kolpingsfamilien in Deutschland erstmals einen Vorsitzenden gewählt. Erster Vorsitzender wird Norbert Gertheinrich.
- 1976: Vikar Czech regt an, die Tradition der Messdienerzeltlager wieder aufleben zu lassen. Die Kolpingsfamilie erklärt sich bereit, ein Ferienlager zu organisieren. Das erste findet 1976 in Lichtenau-Blankenrode statt.
- 1980: Kolping übernimmt trotz des Widerstands seitens des Pfarrgemeinderats und des Kirchenvorstands die Organisation der Sternsingeraktion.
- 1991: Am 27. Oktober wird Adolph Kolping selig gesprochen. Mitglieder aus Clarholz reisen nach Rom.
- 1995: Die Kolpingsfamilie organisiert eine Typisierungsaktion der Deutschen-Knochenmarkspender-Datei (DKMS). 586 Bürger lassen sich typisieren.
- 1999: Im März schlägt Präses Pastor Dr. Gerhard Best die Anschaffung einer Kolping-Glocke vor. Sie soll durch Spenden der Mitglieder finanziert werden. Ende November wird die neue Glocke in der Pfarrkirche durch den Bundespräses Alois Schröder geweiht.
- 2020: 305 Teilnehmer zählt das erste Escape-Spiel der Kolpingjugend. Das Zeltlager wurde aufgrund der Corona-Pandemie erstmals in der Geschichte des Zeltlagers abgesagt.
Quelle: Von DAGMAR SCHÄFER – Die Glocke – www.die-glocke.de (17.05.2025)