Oscar Wilde nannte sein 1895 entstandenes Werk „The Importance of Being Earnest” einmal seine beste Komödie. Auf jeden Fall ist sie auch nach mehr als 100 Jahren immer noch zeitgemäß, wenn es darum geht, einerseits die menschliche (Sehn)-Sucht nach Perfektion in der Selbstdarstellung, andererseits seltsame Ticks und Marotten in satirischer Übertreibung darzustellen.
Heute pimpt man die perfekte Selbstinszenierung – vorwiegend im Netz – erfolgreich mit der idealen Ausleuchtung inklusive Filter, der Selbstoptimierung des Körpers, dem „richtigen“ Yoga beziehungsweise der achtsamen Haltung bis zur „richtigen“ Ernährung, Weltanschauung und so weiter. Das alles, oder so ähnlich, hatte Regisseurin Paula Dempsey wohl bei ihrer zweiten Annäherung an den Bunbury-Stoff mit der Buchloer Kolping-Theatergruppe – in teilweiser Um- und Andersbesetzung als vor sechs Jahren – im Kopf. Gut besucht, wenngleich nicht ausverkauft – das Buchloer Publikum ist traditionell eher etwas zurückhaltend beim Besuch von Premieren, man wartet erst mal ab, was man so hört, und reißt sich dann lieber um die Restkarten in den letzten Vorstellungen – war die erneute Premiere am vergangenen Samstag.
Das Publikum honorierte mit freundlichem, langanhaltendem Applaus diese zeitenübergreifende Neuinszenierung, mit der es Dempsey und ihrem Team auf, neben und hinter der Bühne bestens gelang, das, was Wilde aufs Korn nahm, herauszuarbeiten: Standesdünkel, Eitelkeit, Egoismus und diverse Marotten – auch wenn die jeweiligen „Moden“ wechseln.
Und wem kommen nicht Namen wie Epstein & Co. in den Sinn, wenn man sich die Haltung der beiden Haupt-Dandys der Handlung, John Worthing (Martin Schmalholz) und Algernon Moncrieff (Paul Lederle) anschaut: Nach außen hin den Anschein der Wohlanständigkeit erwecken, in Wirklichkeit jedoch die eigenen Interessen, Laster und sonstigen süffisanten „Hobbys“ pflegen, natürlich unter Zuhilfenahme strategischer Heucheleien, wie der Erfindung diverser, oft „todkranker“ Verwandter oder Freunde, zum Beispiel eben jenes „Bunbury“. Schmalholz und Lederle verkörperten diese sympathisch-skrupellosen, mit jeder Menge zu lernendem Text versehenen Charaktere äußerst treffend, bisweilen genial.
In jedem Fall ging es um den „großen Auftritt“ – in der aktuellen Inszenierung halfen die Kostüme kräftig mit: Paul Lederle als „Moncrieff“ mag es offenbar bunt, schillernd und glänzend. Ein echtes Statement waren die „Auftritte“ von Schmalholz – zu Beginn im Seriosität ausstrahlenden Pelzmantel, nach der Pause im schreiend-schwarzen Trauer-Outfit mit Zylinder.
Auch die Damen arbeiteten mit grandiosen Roben: allen voran Sina Lederle als „Gwendolen Fairfax“ mit zwei atemberaubenden Hosenanzug-Kleidern, gerne auch mal in offensivem Pink. Ausgefeilt inszeniert auch der „Zickenkrieg“ zwischen „Gwendolen“ und der jungen „Cecily“ (Julia Kisner).
Sigrid Holubas Gewandung in der Rolle der alles kontrollierenden „Lady Bracknell“ war eher zurückhaltend – die Darstellerin strahlte so viel natürliche Autorität aus, dass es mehr nicht bedurfte. Holuba, die die Rolle dieses standesbewussten „Drachens“ bereits vor sechs Jahren spielte, ist sie perfekt auf den Leib geschrieben.
Bleiben noch die kleineren Rollen: Max Walter gab wieder den erfahren-desillusionierten Butler „Lane“, sein jüngerer Kollege im Hause Worthing wurde erneut von Achmad Simo verkörpert, inklusive gestischer Gimmicks wie der steten Sorge um die Bändigung seiner Haarpracht oder höchst dramatischem Augenrollen. Gut und angemessen auch die Zeichnung der anderen Charaktere: Andreas Gerhardt als „Chasuble“, Brigitte Müller als „Ms. Prism“ und Martin Lederle (Gesang), der 2020 den Worthing gab und nun mit Christian Wetzel (Instrumente) für eine ansprechende Unterlegung des Stücks mit Live-Musik sorgte. (Buchloer Zeitung/Lucia Buch)